Wer ist Frau Löhr?

Frau Löhr lebt im Zentrum der niedersächsischen Provinz.

Sie ist alleinige Haushaltsvorständin und versucht, das

Dasein eines quasi erwachsenen Sohnes, nun ja, zu

managen sowie das ihrer 7-jährigen Tochter und der

alten Hündin. Dazu ihr eigenes. Ganz zu schweigen von

den Problemen anderer Menschen, die sie sich von Beruf

wegen zu eigen machen muss.

Frau Löhr berichtet von Menschen, Tieren, Sensationen

und dem alltäglichen Chaos, das über uns hereinbricht,

sobald wir morgens die Augen aufschlagen.

Manchmal auch eher.

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Cashi

Serpentina undercover

Frau Löhrs Einwürfe


Brachiale Gewalt

Die Garten- und Landschaftsfriseure waren da, als ich auf der Arbeit war.

Von oben herab sehen nun die vielen Büsche um mich herum aus wie

manch Kopf vorbeiziehender, älterer Herren: Am höchsten Punkt spiegelt

sich eine Glatze, während ein Haarkranz die Kopfseiten wärmt.

Man meint, ein paar bunte Blätter hingen noch in den zurückgeschnittenen Hecken, durch die jetzt ein Rotkehlchen turnt und sich ein Bild von der Zerstörungswut der Kettensägenpunks in seinem Viertel verschafft, die solch Chaostage anzetteln konnten, ohne dass Polizei oder Bürger eingriffen. Als hätte die Sonne Mitleid mit den Kahlgeschorenen, küsst sie ohne Wolkendecke ihre Köpfe. Das stimmt mich milder

als das Rotkehlchen, welches schimpft und schimpft und schimpft.

 

Gedenken

Keine Ahnung, woher die ganzen Erinnerungen kommen, ich tippe auf den Schlaf und die Träume. Heute muss ich an Frau S. denken. Frau S. war die Nachbarin meiner Großmutter und ist seit vielen Jahren tot. Ihr Mann war schwerer Alkoholiker, sie hatten mehrere Kinder. Ein Junge von ihnen starb bei einem Unfall, doch ich weiß noch heute, wie er aussah, obwohl ich ein kleines Kind und er ein junger Erwachsener war.


Herr S. sammelte Sperrmüll, mit dem er sein Grundstück umbunkerte, wie das innen sein Alk tat. Familie S. hatte allerdings ein großes Herz für Tiere, besonders Hunde.

Im Nachhinein denke ich, diese retteten Frau S'. Seelenleben, denn sie war es, die mit ihnen in der Wallachei spazieren ging. Stundenlang spazieren ging, denn zuhause wurde sie von ihrem Mann in unregelmäßigen Abständen geschlagen, das ahnte ich. Ich erinnere mich, einmal auf Ommas Hof gestanden und ihr Weinen und Wimmern gehört zu haben. Er brüllte rum wie ein Ochse, und ich rannte zu Omma in die Küche, berichtete ihr davon. Omma befahl, die Tür von innen zu schließen. Mein Fragezeichen in den Augen beantwortete sie mit einem stummen Kopfschütteln.

Als ich noch klein war, in irgendeinem Sommer, kam Frau S. mit Krücken an den Gartenzaun gehumpelt. Sie sah eigentlich immer so süß aus. Ich weiß bis heute nicht, ob sie Zähne hatte, mochte aber ihr kleines Gesicht, das mich an den Igel Petzi erinnerte, besonders die Haare. Sie war immer lieb und am Lächeln, doch dieses Mal erschrak ich mich furchtbar, als ich sie ansehen musste. Sie sei gestürzt, hieß es aus ihrem Munde, das Bein war mehrmals gebrochen. Es war eingefasst in eine Metallkonstruktion, die durch den Knöchel ging. Ich dachte, ich falle um oder muss kotzen. Sowas sah ich zum ersten Mal in meinem Leben, es machte mir wochenlang Albträume. Und ich fasste den Plan, Frau S. auf einem ihrer Spaziergänge begleiten zu wollen, sobald sie wieder würde laufen können.


Ihre Wunde heilte. Ich machte Ernst, als ich erneut bei Oma war. Weihnachten, es war Weihnachten und ich fragte sie, ob ich mitkommen dürfe. Sie freute sich darüber, sehr sogar. Eingemummelt zogen wir los in die Pampa, kleine Schritte. Anfangs sprachen wir nicht viel, aber irgendwann dann über Hunde, Tiere im Allgemeinen, Schnee, ihre Kinder, die alle älter waren als ich. Sie fragte mich, ob ich mich an ihren Ältesten erinnern würde. Das würde ich, antwortete ich, und schluckte, weil sie sich schnäuzen musste. Sie streichelte mir über die Kapuze. Ich erzählte ihr von der Schule und dem Leben in Peine und überhaupt.

Ich fragte sie nur nie, ob er ihr das angetan hatte, das mit dem Bein. Ich wollte aber. Und traute mich nicht. Obwohl wir dann öfter miteinander gingen, und die Frage in mir immer wieder aufstieg. Auch, weil ich sie wirklich mehr und mehr mochte. Sie rauchte Kette übrigens. Und sie konnte Geheimnisse bewahren, da war ich mir sicher. Auf einem unserer letzten gemeinsamen Spaziergänge war ich ca. 13, 14 Jahre alt und ein wenig größer als sie. "Frau S.", fragte ich, "darf ich ihnen ein Geheimnis verraten?"
"Vertraust du mir? Dann ja."
"Ich rauche und würde mir gern eine anstecken."
"Kein Wort kommt über meine Lippen, versprochen", lachte sie.
"Frau S., darf ich sie noch etwas Geheimes fragen?"
"Du darfst bei mir alles, Mädchen."

"Als ich klein war, musste ich fast brechen, als ich sie ansah, damals, als ihr Bein kaputt war, weil es so schlimm aussah und eigentlich von ihnen weglaufen, damit ich mir das nicht anschauen muss. Ich hörte sie auch einmal weinen und keiner machte was. Ich auch nicht, und es tut mir sehr leid."
"Das muss dir nicht leid tun, Mädchen", sagte sie und umarmte mich feste, "dir nicht, deiner Omma nicht, nicht deiner Uromma oder deinem Oppa. Keinem von euch, keinem vom ganzen Dorf, das Bescheid weiß. Und die Sache mit dem Bein - da bin ich wirklich gefallen. Da wirklich."
Ich heulte bitterlich, und sie sagte mir, wie lieb sie mich hätte.
"Ich dich auch, Frau S.", schluchzte ich.

Reformationstag

Luzie und ich backen die ersten Kekse. Beim Glocken ausstechen - wir haben nur eine Glocken-, Schmetterling-, Haus- und Katzen-Ausstechform - muss sie pupsen, lacht und ruft: "Aus einem versagten Arsch kommt kein fröhlicher Furz!"
"Verzagten", gröhle ich zurück und will wissen: "Wer hat' s gesagt?"
"Luther!", antwortet die Ungetaufte. Ich kann es kaum fassen, von mir hat sie den nicht! Ich kenne nur "Warum rülpset und furzet ihr nicht? Hat es euch nicht geschmecket?" Den will ich bringen, doch in dem Moment klingelt es, und ihr Kumpel kommt heute zum zweiten Mal. Der Neunjährige: "Man, das riecht aber gut hier", denn das erste Blech war bereits im Ofen, und fuhr dann fort mit Blick auf mich: "Habt ihr muslamische Kekse gebacken? Denn du hast den ganzen Tag ne Mütze auf, Tanja."
"Muslimische. Aber nein. Nur, wenn ich die Mütze absetzen würde, sähe ich am Kopp aus, als würde ich dich zu Halloween erschrecken wollen."
Baden will ich nämlich erst am Abend, wenn ich sie alle im Bett weiß. An Festtagen hat man zu vergammeln. Löhr-Brauch, Religion hin oder her.

 

Vielleicht...

"Mama, Maaamaaaa", brüllt Luzie aus dem Garten hoch zu mir in die Stube. Ihre Freundin Medina ruft ebenfalls meinen Namen und "Notfall, komm schnell zu uns!"
Beim eiligen Blick aus dem Fenster, während ich mir hüpfend die Schuhe überstreife, sehe ich zudem noch zwei andere schwarzhaarige Mädchen im Grundschulalter. Was ist passiert, verdammt?
Unten angekommen werde ich an den Händen zum Zaun gezogen. Die Kinder erklären mir atemlos und durcheinander, man hätte eben ein verletztes Kaninchen beim Spielen entdeckt, es könne nicht mehr aufstehen oder den Kopf heben, hätte aber sicher schreckliche Angst. Ja, denke ich, als ich schließlich auf das Fellbündel schaue, das zuckt und fliehen will, aber nicht mehr kann. "Was machen wir mit ihm, Mama?", "Und nun, Tanja, was machen wir mit dem Häschen?", will Medina wissen.
"Kinder", schlucke ich, "das Tierchen hat keine äusseren Verletzungen, ist aber schwerkrank. Ich denke, es wird jeden Moment sterben und möchte das unbedingt ohne uns tun. Es ist ein wildes Tier, es fürchtet uns mehr als den Tod. Versteht ihr?"
"Wir sollen es allein lassen?", fragt das eine schwarzhaarige Mädchen ihre Schwester, welche schweigend nickt.
"Ja, zumindest sollten wir erst ein wenig Abstand nehmen von ihm und uns dann beratschlagen", schlage ich vor. So wird es gemacht.
Ich erkläre, dass es den Weg zum Tierarzt nicht schaffen werde, dass ich leider wisse, wie sich sterbende Kaninchen verhalten würden, weil ich einst selber welche hatte. Zahme allerdings. Obwohl, so zahm war das eine auch nicht, es biss mir gern in die Füße, berichte ich. Die Mädchen lächeln, sind aber weiterhin bestürzt ob des Kaninchens, das im Busch liegt und sich nicht mehr bewegt. Dennoch wollen sie wissen, wie meine Kaninchen denn hießen damals und wo ich sie her hatte. "Nicki und Iltschie. Iltschie kam viel später, da war Nicki schon längst tot. Iltschie hatte die ganze Stirn blutig gebissen, ich bekam ihn von der Zoohandlung für ein paar Mark. Damals gab es noch die Mark, nicht den Euro."
"Wurde Iltschie wieder gesund?"

 

"Ja, er wurde gesund und lebte einige Jahre in meinem Kinderzimmer."
"Mama", sagt Luzie, "geh bitte schauen, ob das Kaninchen noch lebt. Und wenn es jetzt noch lebt, dann nehmen wir es und versuchen, es gesund zu machen, ja?"
"Ja", verspreche ich.
Der Blick des Kaninchens ist gebrochen. Die Pfötchen stehen steif ab vom kleinen leblosen Körper. Kein schnelles Heben und Senken im Brustkorb, kein Zucken mehr. Ich schaue zu den Mädels und schüttele den Kopf. Sie kommen zu mir und beschließen, es zu begraben. Nur den Kopf noch nicht. Vielleicht kommt es zu sich. Dann wollen sie Krankenbesuche machen, jeden Tag.

 

 

 

Zukunft I

"Hallo Oma!"
Sie steht kopfüber im Blumenbeet mit ihren 89 Jahren und zupft.
"Tanni, Menschenskind, Luzie! Ich hab nix zu essen im Haus."
"Wollen wir auch gar nicht, also essen jetzt. Nur dich kurz besuchen und uns zu Freitag zu Speckstippe mit Sahnehering einladen. Und Pellkartoffeln."
Sie freut sich. Luzie drückt sie fest.
"Du hast die Haare schön, Mädchen", sagt sie zu mir. "Danke Omma", antworte ich.

Es gab Zeiten, da hätte ich jetzt über einen Iro nachgedacht und mich für 3mm entschieden. Sie kennt mich so. Haare sind alte Gedanken und die Zeiten unübersichtlich.
Eine fremde Katze kommt und reibt ihren Pelz an meine Schienbeine.

"Streichel sie nicht", mahnt Oma, "sie ist falsch und haut Dich mit Krallen."
"Gut zu wissen", sage ich, lasse es aber zu, dass sie sich selbst streichelt an mir.
Wir setzen uns alle auf die Mauer. Ich stecke mir eine Zigarette an.

Sonst meint sie dazu immer: "Kind, rauch nicht so viel".

Heute drückt sie aber etwas Anderes. "Kind, der Krieg war schlimm. Aber wir sind vom Bitterarmen ins Reiche gekommen. Bei Euch Jungen ist es andersrum. Ich habe Angst um Eure Zukunft."
Ich greife ihre Hand. "Was soll ich anderes sagen, Omma, als die Wahrheit: Ich auch. Aber das Haus werden wir zu halten versuchen. Und Dein Garten ist wunderschön."
"Wild und dicht, aber schön, was?"
"Ja."

 

 

Zukunft II

Gestern hörte ich die Zukunftsmusik und bangte mit dem Kopf zu ihrem Takt.

Den Einkaufswagen voll beladen, nach einer halben Stunde Wartezeit in einem Supermarkt und ohnehin in Zeitnot (weil der vorangegangene Friseurbesuch länger dauerte als geplant), eröffnete mir die Kassiererin nach Erhalt meiner EC-Karte, dass diese nicht funktionieren würde, weil die (verkackte) Commerzbank Probleme hätte im bargeldlosen System.


"Undnun?", fragte ich die Kassenkraft, und "hätten Sie nicht mitteilen können, dass es mit manchen EC-Karten Ärger gibt heute? Irgendwo ein Schild vielleicht? Mein Bargeld habe ich beim Friseur gelassen!"
"Dann schieben Sie Ihren Einkaufswagen an den Rand, fahren zur Bank und holen sich Geld. Tut mir leid."
Dazu musste ich zurück in die Innenstadt.


In der Filiale traf ich auf ein Paar, das vergeblich versuchte, Geld abzuholen, weil es Stress mit einem Tankstellenbesitzer hatte, der dringend darauf wartete. Ich klärte sie über mein Supermarktunterfangen auf, und gemeinsam überlegten wir Mittellosen, wie wir unserer aufgeschmissenen Lage Herr werden könnten. Ich dachte an Spontan-Prostitution, doch der Typ hatte den rettenden Einfall mit der Deutschen Bank. Deren Geldautomat (gleich nebenan) würde uns Commerzen kostenlos welches aushändigen, wenn unsere Bank eben nicht kann.


Das klappte beim Paar auch anstandslos, doch als ich an die Reihe kam, schluckte der (verf***te) Automat meine Karte, obwohl ich (ich schwöre) Guthaben auf meinem Konto habe. Kurzum: ich schäumte vor Wut, zerschlug den ganzen Innenbereich, trat draußen Mülleimer um und zündete sie an, entführte einen Anzugträger und machte ihm Auge in Auge in der Tiefgarage klar, dass es nun Zeit wäre, dass ich als Bauer zur Mistharke greife und die Kapitalisten in den Mittellandkanal werfe, wobei er mir zu helfen hätte, falls er lebend rauskommen möchte.
Kurzum: Peine liegt nun in Schutt und Asche.
Nein.
Aber irgendwo im E-Center steht noch immer ein verwaister Einkaufswagen 'rum und ruft meinen Namen. Und dann stell ich mir immerzu vor, was passiert wäre, wenn mir das im Friseurladen geschehen wäre - nicht zahlen zu können. Die hätten mich doch bestimmt rasiert, verdammt, oder mir am lebendigen Leibe die Augenbrauen ausgerissen!
Jedenfalls ist bargeldlos zu sein kein Spaß. Und das meine ich wirklich so.

 

Vor Ladenschluss

Ab 17.30 Uhr sollten samstags die Discounter eigentlich gesetzlich schließen müssen, meiner Meinung nach. Der Boden beim Pfandautomaten ist frisch gewischt, dass ich mich nur trippelnd rein wage, süße Teilchen gibt' s nicht mehr, Fisch ist auch wech, die Grabbeltische sind voll mit übriggebliebenem Fitnessmist und offenbar alleinstehenden Männern, die Verkäuferin sieht sehr müde aus und über allem schwebt irgendwie die Endzeitstimmung, obwohl man noch bis 21 Uhr tapfer sein soll. Tristesse pur.
Allerschlimmstens finde ich jedoch die noch lebenden Kreaturen in Supermärkten, die das Wochenende kaum überstehen werden: Pflanzen in Erde. Sie tun mir so leid, dass ich gleich zwei Clematis und einen weiteren Träger mit Frühlings-Stecklingen kaufe, die schon verzweifelt die Triebe baumeln lassen. Ich bin zu weich für diese Welt, verdammt.

 

Nein!!

"Ich will jetzt meinen Badeanzug anziehen, Mama!"
"Wir fahren doch aber erst in sechs Stunden zum Schwimmen, Luzie!"
"Ist mir egal."
"Und wenn du aufs Klo musst? Willst du dich jedes Mal nackig ausklatern bis dahin?"
"Das macht mir nichts."
"Wie du meinst. Willst du nicht vielleicht auch schon die matschigen Winterstiefel anziehen, obwohl ich gerade staubgesaugt habe?"
"Darf ich?"
"Nein, man."

 

Is doch logisch, oder?

Im Hallenbad. Ein mir fremder Mann kommt, legt sich in den übernächsten Liegestuhl und klappt sich nach hinten. Auf den Stuhl zwischen uns legt er sein Head & Shoulders Shampoo und seine Karte für den Spind, ich denke also, es kommt noch wer.
Wir liegen vor dem Babybecken. Nach zehn Minuten - ich hatte ihn schon fast vergessen - beginnt der Mann mit mir zu sprechen: "Also früher hätte es das nicht gegeben, nicht wahr? Mit Straßenkleidung baden wie die Ausländerfrauen da. Mein Großvater kam aus Albanien. Ich bin also selber ein Ausländer irgendwie, aber wir Albaner baden so nicht. Also nicht die Frauen. Die würden eher wegbleiben, als bekleidet zum Schwimmen zu gehen. Als ich beim Schwimmunterricht meines Sohnes ausgeholfen habe, hat mich der Bademeister angemacht, weil ich meine Dreiviertelhose anhatte. Und die gehen mit Ganzkörperbekleidung ins Wasser und keiner sagt was. Naja, aber heute fehlt auch der ältere Bademeister."
Ich kratze meinen Bauch, denn ich trage Bikini und setze mich auf.
"Die Frauen, über die Sie sprechen, tragen entsprechende Badeanzüge. Sie sind aus dem Stoff wie Ihre Badehose. Sie haben Freude, sie sind in der Öffentlichkeit und sie kümmern sich rührend um alle Gören im Becken. Wo ist das Problem?"
"Ich meine ja nur. Man liest ja sehr viel, und was alles in den Nachrichten steht. Heute Morgen klappte ich Die Bild auf und sehe überall nur Terror, Terror, Terror. Wie im Fernsehen. Ist das wirklich eine Art Badeanzug?"
"Ja. Und diese Frauen werden ganz sicher keinen Terroranschlag planen in den nächsten Minuten. Sehen Sie doch bitte mit eigenen Augen die Lebensfreude, die vor ihrer Nase stattfindet."
"Die Frauen wohl nicht, aber..."
Mir reicht's: "Entschuldigung, aber Sie sind doch allein hier, oder?"
"Ja."
"Sie sind ein alleinstehender Mann mittleren Alters, der sich in knapper Bekleidung am Plantschbecken von kleinen Kindern rumtreibt und ihnen beim Spielen zuschaut. Ist das nicht ein wenig komisch, ja, nicht sogar beängstigend?"
"Wie meinen Sie? Wollen Sie etwa behaupten, ich steh auf kleine Jungs oder so?"
"Na, das wäre doch sicherlich so unsinnig, wie bei jeder Muslim im langen Badeanzug an Terror zu denken, nicht wahr?"
Er greift sich sein Shampoo, die Karte und haut ab. Ich lege mich zurück und grinse.

 

Frauentach

Mit den Mädels (Elvira, 88 Jahre - Ilse, über 70 und Anne, 89) den Frauentag gefeiert - dabei Eierlikör aus kleinen, schokoladeüberzogenen Eierbechern süppelnd.

Busra, die unseren Frauentag international machte und Muslimin ist, lehnte dankend ab, ließ sich aber bereitwillig erläutern, welche Schandtaten wir schon unter Alkoholeinfluss verbrachen. An mancher Stelle musste sie herzlich lachen, aber im Grunde ihres Herzens fragte sie sich bestimmt, warum gestandene deutsche Frauen sich das antun. Freiwillig. Jetzt, wo mir ein wenig schlecht ist, frage ich mich das auch, *hicks*.

Ohrwürmer

Ich habe heute den ganzen Tag "Sag mir quando, sag mir wann" von C. Valente im Kopp - und auch gesungen! Bis mir mein Kollege Schläge androhte. Ich glaube, ich muss mal den Betriebsrat einschalten.

 

 

 

Zum Raum wird hier die Zeit

Die kleine Frau Löhr hat mir ein Kalenderblatt für den November gestaltet. Auf meine Frage, warum ausgerechnet dieser Monat 40 Tage bereithält, antwortete sie:

"Weil noch so viel Platz auf dem Blatt war."


Gut, Zeit ist relativ - aber mein Kontostand weist keinerlei Spielraum

für eine spontane Flexibilität auf, den November zu verlängern.

Ich hoffe, Luzie hat mit ihrer

Kreativität nicht ernsthaft am Zeit-/Raum- Kontinuum

rumgemacht.

Seniorenarbeit

Ilse (irgendwas inne 70), Elvira (89), Anne (89) und ich (29) haben uns heute beim wöchentlichen Treff eine große Schachtel Schnapspralinen reingezogen. Es war wie beim Tequilasaufen: der erste Hieb schüttelt dich durch bis zum Zeh, dann geht's. Irgendwann wurden wir so laut, dass Busra, eine Kurdin von einem Stock unter dem Bewohnertreff, zu uns rauf kam, weil sie sich Sorgen machte. Dabei hatten wir zu dem Zeitpunkt noch gar nicht auf den Tischen getanzt.


Hauptsache gesund

"Mama, das war voll eklig. Es war grau und schmeckte nach Schmutz."
Auf dem Essensplan lese ich nach, es gab Vollkornnudeln gestern.

 


 

Süchte

Meine erste erwähnenswerte Tat des Tages ist, dass ich soeben den viel zu großen Schluck Kaffee auf den Hund gespuckprustet habe, weil in den falschen Hals geraten. Nach anfänglichem Schreck schätzt mein Köter dieses Missgeschick, denn ich nehme meinen Kaffee mit Milch und Zucker, die er nun bei einer ausführlichen, gierigen Fellpflege zu schmecken bekommt. Nicht, dass Cashi sich noch auffrisst oder gar die Kaffeemaschine zu bedienen lernt! Es reicht eine Süchtige in der Familie!

 

Kampfhahn

Fünf Minuten vor Schulbeginn bemerke ich, mir vor die Stirn klatschend,

dass Luzies gepackte Brotdose noch auf dem Tisch statt in ihrem Tornister liegt. Meine Tochter schrotet momentan rein wie ein Scheunendrescher, sie wächst wohl wieder: es wäre verantwortungslos, sie ohne Lebensmittel im Unterricht zu wissen.

 

Obwohl ich am Kopp aussehe wie ein komplett zerfledderter asiatischer Kampfhahn - zwar ohne Rasierklingen, aber mit durchlöcherten Schlappen an den Füßen und einer viel zu langen Schlafanzugshose, der sich auch das verlaufene Augenmakeup nicht runterpulte, bevor er auf den Misthaufen klettert, sein Tagwerk gemütlich zu beginnen und sich nun auch noch in eine Winterjacke zwängt, aus dem untenraus der Bademantel lugt - sprinte ich los und nehme den Wettkampf mit dem Schulgong auf.

 

Da wir nur eine Minute Fußweg von der Bildungseinrichtung entfernt wohnen, sofern man den illegalen Weg über den Zaun hinterm Haus wählt, errechne ich mir Chancen, springe wie eine Gazelle darüber und schlittere anschließend quer durch einen Haufen Hundescheiße, der meine Hausschuhe farblich und aromatisch verziert. Weiter gehts also, um die Scheiße los zu werden, über den nassen Rasen, woraufhin ich nasse Strümpfe bekomme und bei jedem Schritt leise quietsche.

 

Ich renne quietschend, scheußlich und stinkend in die Schule.

Erstklässler sehen mich erschrocken an und rufen nach ihrer Mama,

weil sie sehen, wie ich sie in Gedanken alle von der Treppe fege,

um eine Schneise zu schlagen in ihre Handinhand-Grüppchen,

die dutzendfach den Aufgang blockieren.

 

Schwer atmend und von Seitenstichen geplagt, stehe ich schließlich

vor Luzies geöffnetem Klassenraum. Die junge Lehrerin sieht mich an.

In ihren Augen sehe ich die Angst. Mit letzter Kraft bringe ich raus:
"Keine Panik, ich bin kein Horrorclown, ich bringe Luzie nur ihr Essen!"
Die Lehrerin muss herzlich lachen und meine Tochter sowieso.

Die liebt mich wie ich bin. Hab ich ein Glück!

Muss wohl an der Scheiße liegen, denke ich. Dann gongt es.

 

Schlaf-Chakra

Ich habe - sage und schreibe - 12 Stunden fest geschlafen. Nun bin ich derart energetisch aufgeladen, dass ich keine Starthilfe für meinen Fiat benötige,

wenn ich gleich Brötchen holen werde, ja, noch nicht einmal einen Schlüssel.

Ich werde einfach meine Hand auf die gefrorene Motorhaube legen

und die Karre wird auf der Stelle abtauend anspringen.

Und falls nicht, gibt es eben Toast.

2017

Habt Ihr schon mal einen umgerechnet 77jährigen rheumatischen Hund gesehen,

der panisch versucht über einen Sessel ein Hochbett in 1,60 m Höhe zu erklimmen, weil draußen Knaller und Raketen im Dauerfeuer gezündet werden und dabei gleichzeitig alles gegeben, um ein komplett verballertes, übermüdetes Kind zu trösten, das aus dem Schlaf gerissen wurde? Ich bin ja schon dankbar, dass mir niemand in die Bude kackte, man! Was letztendlich nur der Liebenswürdigkeit meines Freundes zu verdanken ist, der mit seiner tiefen, sonoren Stimme mantramäßig auch mich zur Ruhe brachte, denn ich hätte sonst sicherlich die Kontrolle über meine Stoffwechselprodukte verloren und sie wie ein Primat auf die Feiernden geschleudert. Alten, da waren ein paar Geschosse dabei, dass ich annehmen muss, man hätte letzte Nacht den Mittellandkanal gesprengt oder untertunnelt.

Tach 2017! Schön, dasse da bist. Setz dich und halt's Maul.

Im Dorf

Meine erste Stunde des Tages verbringe ich mit Euch.

Ich schwinge die Beine vom Bett, setze mir Kaffeewasser und - pulver auf, drücke den Schalter des Computers und warte, bis alles aufkocht und sich hochspielt.

Dabei blicke ich aus dem Küchenfenster und rechne mir aus,

wie lange ich brauchen werde, um die Autoscheiben frei zu bekommen.

Meine Kinder schlafen noch, wenn ich schließlich vor Euch sitze.

Rechts steht mein Kaffee, den ich am liebsten aus dem Pueblo-Pott trinke,

welchen ich einst im Tabakladen meines Vertrauens geschenkt bekam und lege los. Die ganze Bandbreite des Seins scrolle ich runter.

 

Vom Kükenschreddern bis zum zärtlichsten Liebesgedicht. Da wurde ein verfilzter Hund gerettet, dort Lichtenberg gelesen. Oder es hat jemand Geburtstag, eine Krankheit überstanden, sich eine eingefangen oder aus irgendwelchen anderen Gründen nicht schlafen können.

Manche retten sich und mich mit Punk durch den Tag, andere stellen

mir unbekannte Arien vor, die ich dann zu lieben lerne.


Ja, ich bin dafür, dass die ARD mir eine Tagesschau pro Woche schenkt,

in der ich 15 Minuten nur Euch präsentiere, bzw. das, was Ihr mitzuteilen habt.

Dann würde auch meine Oma verstehen, was am Internetz so toll sein soll.

Wollen wir nicht alle in ein Dorf ziehen? Wir 564 Freunde?

Dann würde ich mich morgens selbst im Winter mit dem

Pott Kaffee vor die Tür setzen.

Auch wenn ich am Kopp aussehe wie ein explodierter Waschbär.

Ihr solltet nur nicht mit mir reden wollen, sondern müsstet

mir Schilder vor die Augen halten, wie Ihr gerade so drauf seid

oder was Euch beschäftigt derzeit.

Und zu singen ist auch erlaubt.

Im Laufe des Tages bin ich auch nicht mehr so maulfaul.

Versprochen.

 

Weihnachtszeit

27.12.

Weihnachten gelaufen. Etwas verspätet warf ich mich heute am Morgen vor den Postwagen des freundlichen Briefträgers, um ihm sein Trinkgeld zu geben. "Vielen Dank, liebe Frau Südstadt, liebe Frau Löhr."
"Sehr gern geschehen", grinste ich.
Somit ist das Fest wirklich Geschichte. Dieses Jahr musste ich zur Kenntnis nehmen, dass ich nun zwei große Kinder habe, nicht nur eines: Luzie hatte weder am 2. Dezember den Adventskalender geplündert, noch gequengelt, dass sich zuerst Würstchen und Kartoffelsalat reingezogen werde, bevor es an die Bescherung ginge. Ich weiß nicht, wie ich das finden soll.

Wahrscheinlich will sie zu Silvester eigenhändig gebaute Feuerwerksraketen

in die Luft jagen, die sie in Sektflaschen steckt, welche sie zuvor auf ex trank.

Oder sie sprengt die Briefkästen mit Polenböllern weg, was weiß ich.

 

26.12.

Uiuiuiuiui. War aber schön: sich vier Stunden gut zu unterhalten, vier große Gläser Wein zu trinken und nach vier Stunden Schlaf ohne Anlass zu erwachen. Mit vier Stunden Kopfweh, die ich nun habe, wäre ich einverstanden. Das ist der Preis des prallen Lebens. Aber keine Minute länger!

 

24.12.

"Cashi, wollen wir rausgehen?"
"Nein."

 

23.12.

Zweiter Urlaubstag. Ich habe bereits vergessen, um welchen Wochentag es sich heute handelt. Kann aber auch daran liegen, dass die Nacht kurz war. Um 1 quengelte die Lütte, um 2 schlief sie wieder ein. Ich um 3. Um 5 kamen zwei betrunkene Halbstarke heim, die sich derart laut unterhielten, dass ich annehmen musste, sie hätten die letzten Stunden in einer Disco gefeiert, welche sie mit implantierten Hörschäden entließ. Entnervt verließ ich das Bett, brüllte meinen dringlichen Wunsch nach Ruhe durch den Flur und machte mich daran, mir Kaffee in die linke Herzkammer zu schütten. Jener gefüllte Pott allerdings rutschte mir aus der Hand und sein klebriger Inhalt (ich nehme meinen Kaffee mit Milch & Zucker), floss großflächig unter den Computertisch, an dem ich nun sitze und für immer festgepappt bin mit meinen Wollsocken.

 

Müsste ich demnächst auf der Arbeit sein, würde ich jetzt wohl brammen, fluchen, mir hoch und heilig versprechen, im nächsten Leben keine Kinder zu haben und Teetrinkerin zu werden. So allerdings, kann ich nur müde lächeln und mir zuraunen, ich hätte noch satt Zeit, mich zu erholen.


Und ich freue mich schon fies, um Punkt 8.45 Uhr mit dem angelassenen Staubsauger ins Jungszimmer zu marschieren und auf jeden, der ne Fahne hat, Glasreiniger zu sprühen. Dabei werde ich laut singen: "Immer wenn ich traurig bin, trink ich einen Korn" und weitere Heinz Ehrhardt Gedichte vortragen. Das Leben ist ein Fest!

 

22.12.

Habe soeben in einem dunklen Winkel meines tiefen Kühlschranks eine kleine, vergessene, geschlossene Tupperschale mit angebrochenem Schafskäse entdeckt, auf der eine Pilzkultur wächst von der ich annehmen darf, ich hätte vielleicht ein hochwirksames Antibiotikum gezüchtet - ganz sicher aber eine psychogene Droge, die man oral, nicht nasal einnehmen sollte. Puh. Jemand Interesse? Ein Gramm sieben Euronen.

 

21.12.

Ich habe Urlaub seit über zwei Stunden, noch immer Winterschuhe an den Füßen

und trage eine Jacke.

Ich selbst bemerkte das nicht einmal, als ich eben mit Luzie Auberginen schnippelnd in der Küche stand. Beim gemeinsamen Speisen fragte sie:

"Mama, musst du nochmal los zur Arbeit?"
"Nein, Schatz. Wir haben jetzt über zwei Wochen frei."
"Warum hast du dann noch alles an?"
"Hm. Meinst du, ich sollte mich auch wie du bis auf T-Shirt und Schlüpper

ausziehen, sobald ich Zuhause angekommen bin?"
Luzie lacht.

"Nein. Aber du siehst aus, als würde es hier drinnen schneien."
Recht hat sie. Ich ziehe mir nun meinen plüschigen Bademantel an - er wird auch zärtlich Grünes Fell genannt - und verliere genüsslich die Kontrolle über mein Leben. Yeah man! Urlaub!

18.12.

Heute Adventsessen bei Omma Groß Bülten um 12.

Da wir es gewohnt sind abends zu essen, ist das eine

echte Herausforderung für die Kinder und mich.

Immerhin konnte ich meine Omma überreden, dass es keine Gans gibt:

"Omma, nimm es bitte nicht persönlich, aber meine Galle verkraftet keine Gans.

Ich esse die gern, aber drei Tage lang. Ich würde gern Schnitzel haben wollen.

Und Klöße!"
Baffes Schweigen am Telefon.

Ich frage mich, ob sie daran denkt, mich zu enterben.

Dann: "Tanni, ich mache gern auch Schnitzel. Aber Klöße zu Schnitzel?

KLÖßE ZU SCHNITZEL, KIND?"
"Warum nicht?"
"Schnitzel macht keine Soße!"
"Ich bringe so'n Rahmdingensbeutelchen mit."
Potzblitz, denkt meine Omma sicher, nu isse ernsthaft verrückt geworden.

Zur Untermauerung meines Wahnsinns werde ich mir vor ihren Augen sechs verdammte Halb/und Halbklöße reinziehen.

Und dann den Schnapskeller plündern.

Da sind Schätze, die wurden schon in den 90ern entdeckt.